Telefonitis am Steuer: Trotz Handy-Verbot ist Freisprecheinrichtung ein Fremdwort!

  • 67 % telefonieren im Auto , jeder 3. davon mit Handy!
  • Folge: Kurvenschneiden, Ausscheren & falsches Blinken

Was uns emotional aufwühlt, lenkt uns ab. Wenn am Handy neueste Klatsch- und Tratschgeschichten erzählt werden oder Geschäftspartner anklingeln, leidet die Fähigkeit, sich auf das Straßengeschehen zu konzentrieren.

Weil Ablenkung und Straßenverkehr nicht zusammenpassen, wurde Telefonieren am Steuer ohne entsprechende Freisprecheinrichtung mit 1. Juli 1999 unter Strafe gestellt. "Die Konzentration auf das Telefonat kann im schlimmsten Fall jenen berühmten Sekundenbruchteil lang ablenken, der für das Verursachen eines schweren Unfalles ausreicht", warnt Dr. Othmar Thann, Direktor des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV).

Telefonieren am Steuer als Nebenbeschäftigung
Auto fahren alleine scheint vielen Österreichern zu langweilig zu sein. Eine Untersuchung des KfV im Dezember 2004 hat ergeben, dass rund 94 Prozent aller Kfz-Lenker ein Handy besitzen, etwa 67 Prozent der Lenker benutzen es nach eigenen Angaben auch während der Fahrt. Erschreckend dabei ist, dass jeder dritte davon während der Fahrt mit dem Mobiltelefon am Ohr - also ohne Freisprecheinrichtung - spricht. Dass hauptsächlich Frauen an Telefonitis leiden, konnte bei dieser Erhebung nicht bewiesen werden. 53 Prozent der telefonierenden Lenker und sogar 70 Prozent der Vieltelefonierer am Steuer sind Männer.

Kognitiver Zwiespalt
Egal ob Mann oder Frau: Der Mensch ist prinzipiell schlecht dafür geeignet, zwei vollkommen unterschiedliche Tätigkeiten gleichzeitig auszuführen. Je nachdem, wie attraktiv ein Reiz ist und wie stark man die Dringlichkeit empfindet, wird die Aufmerksamkeit auf bestimmte Informationen verlagert - anderes tritt dagegen in den Hintergrund. In kritischen Fahrsituationen muss die Aufmerksamkeit daher erst wieder "umgeleitet" werden. Die Folge der Ablenkung sind Verzögerungen bei der Wahrnehmung von Gefahren und der - lebensnotwendigen - Reaktionsfähigkeit. Selbst nach Beenden eines Telefonats sind Autofahrer noch abgelenkt: In den ersten 15 Minuten nach dem Auflegen ist das Unfallrisiko noch immer vier Mal höher.

Physische Akrobatik
Die Einschränkung der Bewegungsmöglichkeit durch das Hantieren mit dem Handy schlägt sich im Fahrverhalten deutlich nieder. Zwar wird die Geschwindigkeit verringert, die Fahrleistung verbessert sich aber dadurch nicht. Gaspedal und Lenkrad werden abrupter und hastiger betätigt. Nachfolgende Fahrer können das Verhalten des Vordermanns daher schwer einschätzen. Außerdem konnte beobachtet werden, dass Fahrer mit Handy am Ohr bei Abbiegemanövern häufiger auf die Gegenfahrbahn oder über die Randlinie ausscheren. Vermehrtes Kurvenschneiden ist ein weiterer Nebeneffekt der Lenkradakrobatik, beim Blinken verhalten sich nur 25 Prozent der Telefon-Fahrer richtig. Dramatisch ist die Situation für die schwachen Verkehrsteilnehmer: Bei Beobachtungen des KfV drosselten über 70 Prozent der Handy-Fahrer weder das Tempo, noch hielten sie an, wenn ein Fußgänger die Straße queren wollte. "Die Gefährdung von Fußgängern am Schutzweg ist jetzt ein Vormerkdelikt", ruft Thann die Regeln ins Gedächtnis.

Milde Strafen
Wer hinterm Steuer mit dem Handy am Ohr erwischt wird, kommt angesichts der Auswirkungen des Telefonierens mit vergleichsweise moderaten 25 Euro als Strafe davon. "Diese Strafe darf aber nur verhängt werden, wenn der Fahrer angehalten wird", übt Thann Kritik an der Gesetzeslage. "Handy-Lenker in Fahrt können nicht angezeigt werden." Das KfV plädiert daher für eine einfachere Strafverfolgung und wirksame Kontrollen in Form von Schwerpunktaktionen oder (Doppel-)Auswertung von Radarfotos. "Das wirksamste Gegenmittel ist aber die Vernunft der Lenker. Nicht alle Gespräche sind dringend und lassen sich zuhause auf der Couch viel bequemer erledigen", appelliert Thann. "Und wenn etwas oder jemand gar nicht warten kann, sollte man für das Telefonat zumindest am nächsten Parkplatz stehen bleiben." (APA/red.)

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