Social-Network StudiVZ lernt aus Fehlern: Jetzt wieder wachsende Zahl von Mitgliedern

  • Änderung der Geschäftsbedingungen verkraulte User
  • Personalisierte Werbung im Brennpunkt der Kritik

Es war ein virtueller Aufschrei, der Anfang des Jahres über die Internet-Community StudiVZ hereinbrach. Mittlerweile scheinen die Querelen über die Änderung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen verstummt. StudiVZ und SchülerVZ sind die meistbesuchten Webangebote in Deutschland, und auch die Zahl der Nutzer steigt weiter.

"Wir haben in der Vergangenheit viele Fehler gemacht", räumt der leitende Geschäftsführer der StudiVZ Ltd, Michael Brehm, ein. Nach einem kurzen Einbruch der Mitgliederzahlen im Anschluss an die AGB-Änderung sei die Zahl der Mitglieder schnell wieder gestiegen. Aktuell kämen täglich immer noch rund 20.000 neue Nutzer hinzu, sagt Brehm. Derzeit sind auf den drei Plattformen der Firma über neun Millionen Personen angemeldet: Studenten, Schüler und seit kurzem auch Berufstätige im neuen Netzwerk meinVZ. Der Verkauf an den Holtzbrinck-Verlag habe zu einer Professionalisierung im Management geführt, sagt Brehm.

Personalisierte Werbung
Insbesondere die "personalisierte Werbung" führte zu harscher Kritik. Hier sei jedoch vieles falsch verstanden worden, meint Brehm und stellt klar: "Wir verkaufen keine Daten an Dritte. Das haben wir nie getan und werden es auch in Zukunft nicht tun."

StudiVZ setzt bei der Finanzierung der kostenlosen Plattform mit mittlerweile über 70 Mitarbeitern und 400 Servern auf personalisierte Werbung, ausgeliefert nach Geschlecht, Alter, Studienort und -richtung. So könnte beispielsweise allen männlichen Nutzern zwischen 20 und 24 Jahren ein bestimmtes Werbebanner zugespielt werden. "Diese Form der Codierung lässt keine Rückschlüsse auf persönliche Angaben zu", versichert Brehm. Derzeit verzichtet das Unternehmen noch auf gezielte Werbung per E-Mail oder internem Postfach.

Trotz aller Proteste haben nach Angaben des Betreibers weit über 90 Prozent der Nutzer den Änderungen der AGB zugestimmt. Einige haben allerdings auch ihr Verhalten geändert: Sie geben sich Phantasienamen, bereinigen ihr Nutzerprofil oder schwärzen die Profilfotos mit Schriftzügen wie "StasiVZ" oder "SchnüffelVZ 2.0". Auf zahlreichen Pinnwänden wird erläutert, was zu tun ist, um der Werbenutzung der Daten zu widersprechen.

Unternehmen reagiert
Doch die allgemeine Aufregung scheint vorbei, auch weil das Unternehmen auf die zahlreichen Beschwerden der Nutzer reagiert hat. Mittlerweile gibt es eine regelrechte Gegenbewegung, die sich gegen das Verfremden von Namen richtet: "Seit den neuen AGB finde ich meine Freunde nicht mehr", heißt eine Gruppe. Zudem habe es in den vergangenen Tagen eine weitere Verfeinerung der Einstellungen zur Privatsphäre gegeben, erklärt Brehm. Nutzer könnten nun festlegen, wer welche verlinkten Bilder sehen dürfe.

Allerdings sieht Jan-Hinrik Schmidt, wissenschaftlicher Referent am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg, noch Nachholbedarf. "Diese Einstellungen sind derzeit noch relativ grob", kritisiert er. "Im echten Leben reagieren wir flexibler darauf, was wir dem Gegenüber sagen wollen und was nicht." Es sei eine Verschiebung von Privatsphäre und Öffentlichkeit zu erkennen.

Probleme mitr Arbeitgeber
Angesichts von Headhuntern und der üblichen Praxis, die Profile von neuen Mitarbeiter zu durchleuchten, plädiert Schmidt für einen verantwortlicheren Umgang mit den Internet-Portalen. "Es muss ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, wer auf die Daten zugreifen kann." Im April haben mehrere User Probleme mit Schule und Arbeitgeber bekommen, weil sie in öffentlichen Gruppen über Lehrer oder den Chef hergezogen sind. Auch Unternehmer sollten sich die Frage gefallen lassen, ob es ethisch vertretbar sei, auf die Daten ihrer Arbeitnehmer zurückzugreifen, nur weil sie verfügbar seien, sagt Schmidt. "StudiVZ ist schließlich Freizeit." Dem Nachbarn schaue man schließlich auch nicht durchs offene Fenster in die Wohnung.

(apa/red)

13.5.2008 10:29
Artikel bookmarken bei: ? Hilfe

Das Wetter morgen: