Augen zu und durch: Urteil gegen Bawag-
Prüfer Reiter schockt Wirtschaftsprüferzunft

  • FORMAT: Die einen halten ihm weiterhin die Stange
  • Für manche ist Verurteilung von Reiter aber zu wenig

Während des Prozesses hatte er sich meist unauffällig und ruhig verhalten. Im Medienhype hatte der ehemalige Bawag-Abschlussprüfer Robert Reiter nur eine unbedeutende Nebenrolle gespielt. Umso überraschender war es für viele Prozessbeobachter, dass er eine dreijährige Haftstrafe ausfasste, und gleich ein Jahr davon unbedingt. Richterin Claudia Bandion-Ortner sah seine Mithilfe bei den Tatbeständen der Untreue und Bilanzfälschung als erwiesen an.

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe, hatten doch viele Rechtsexperten, auch Reiters Anwalt Thomas Kralik, mit einem Freispruch gerechnet. Ein Wirtschaftsprüfer sei nicht das "Kindermädchen des Vorstandes", Reiter sei "grundehrlich, anständig und solide", so Kralik in seinem Plädoyer.

Signal an die Big Four
Die stolze Zunft ist geschockt. "Reiter muss stellvertretend für alle Wirtschaftsprüfer als Sündenbock herhalten. Der Schuldspruch ist ein Signal an die großen Wirtschaftsprüfungskanzleien, die Big Four: Ihr könnt euch nicht gegenseitig die Kunden zuschanzen, kassieren und dann wegschauen", erklärt der Strafverteidiger Elmar Kresbach. Wegschauen scheint aber genau das Rezept zu sein, mit dem einige Branchenkollegen auf die Verurteilung von Reiter reagieren. Etwa sein früherer Arbeitgeber KPMG. "Für uns besteht kein Grund, an der persönlichen Integrität und der fachlichen Qualifikation von Robert Reiter zu zweifeln", heißt es in einer Aussendung der Kanzlei.

Eine Branchengröße
Der Schreck über den Fall Reiter sitzt auch deshalb so tief, weil der Mann nicht bloß irgendein Vertreter seines Standes war, sondern eine große Nummer. Auch nach dem erstinstanzlichen Urteil ist Reiter noch Mitglied der Kammer, seine Befugnisse als Wirtschaftsprüfer und Steuerberater sind nur ruhend gestellt. Aber nicht alle in der Branche üben sich im Verdrängen. Für Berufskollegen Reiters ist diese "Augen zu und durch"-Mentalität unter den Wirtschaftsprüfern nicht mehr tragbar. "Es geht um die Glaubwürdigkeit eines ganzen Berufsstandes. Damit ist unsere Unangreifbarkeit weiter destabilisiert", meint ein anonymer Wirtschaftsprüfer.

Verurteilung von Reiter noch zuwenig
Für Kritiker Doralt geht die Verurteilung von Reiter noch nicht weit genug. "Es widerspricht jeder Logik, dass die anderen KPMG-Partner nichts von den Bawag-Problemen gewusst haben. Es kann erst dann tief greifende Änderungen in der Branche geben, wenn die strafrechtliche Mitverantwortung der Partner geklärt ist", meint der Finanzrechtler.
Zivilrechtliche Konsequenzen für KPMG wird es in jedem Fall geben. Das bescheinigt auch Anwalt Kresbach: "Die KPMG hat allen Grund, sich zu fürchten, es geht um Haftungen. Dort kriegen Bawag und ÖGB noch Geld. Und wenn nicht von der KPMG direkt, dann von deren Versicherung."

Den gesamten Bericht lesen Sie im neuen FORMAT 28/2008

12.7.2008 08:41
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