Karadzic wappnet sich für UNO-Tribunal: Er will sich in Den Haag selbst verteidigen
- Überstellung könnte am Wochenende stattfinden
- Hat Geheimdienst den Kriegsverbrecher gedeckt?

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Der frühere bosnisch-serbische Präsident Radovan Karadzic will sich - wie schon der serbische Ex-Präsident Slobodan Milosevic - vor dem Haager UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen in Ex-Jugoslawien (ICTY) selbst verteidigen. "Karadzic wird in Serbien ein Rechtsteam haben, das ihm bei der Vorbereitung der Verteidigung behilflich sein wird", kündigte der Anwalt des Haager Angeklagten, Svetozar Vujacic, an.
Russland fordert einen fairen und objektiven Gerichtsprozess für den 63-Jährigen, wie Außenminister Sergej Lawrow bei einem Aufenthalt in Singapur sagte. Zuletzt habe die Arbeit des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag "Elemente der Politisierung" enthalten, kritisierte der Minister. Moskau rechne damit, dass das Haager Gericht seine Arbeit wie vom UN-Sicherheitsrat beschlossen 2010 beendet.
Überstellung am Wochenende?
Karadzic als einer der meistgesuchten Haager Angeklagten dürfte schon am Wochenende an Den Haag überstellt werden. Das kündigte der Sprecher des serbischen Sondergerichtes für Kriegsverbrechen, Bruno Vekaric, an, ohne jedoch einen genauen Termin zu nennen. Dass alle Voraussetzungen für die Überstellung von Karadzic - der nicht serbischer Staatsbürger ist - erfüllt sind, hatte das Gericht bereits am Dienstag festgestellt. Karadzics Belgrader Anwalt will dies anfechten. Er wolle durch die Berufung der Familie des Haager Angeklagten, Frau Ljiljana und den Kindern Sonja und Aleksandar, ermöglichen, Karadzic im Belgrader Gefängnis zu besuchen.
Von Richter einvernommen
Karadzic war gleich nach der Festnahme von einem Ermittlungsrichter des Belgrader Sondergerichtes einvernommen wurden, der daraufhin die Voraussetzungen für eine Überstellung an das Haager Gericht als erfüllt sah. Karadzic kann binnen drei Tagen Berufung einlegen. Die ultranationale Serbische Radikale Partei (SRS) hat unterdessen "massive Proteste" gegen die Auslieferung Karadzics an das UNO-Gericht angekündigt, ohne ein Datum dafür bekanntzugeben.
Festnahme "Erbe der früheren Regierung"
Der kleinere Regierungspartner bestreitet unterdessen, dass die Karadzic-Festnahme irgendwie mit der neuen Regierungskoalition in Belgrad in Verbindung stehen könnte. Innenminister Ivica Dacic, Chef der Sozialistischen Partei (SPS), die von Milosevic gegründet worden war, betonte, die Festnahme sei ein Bestandteil der "Amtsübergabe" und ein "Erbe der früheren Regierung": "Ich glaube nicht, dass die Festnahme von Karadzic ein Ergebnis der viertägigen Arbeit (des neuen BIA-Chefs Sasa Vukadinovics, Anm) war", forderte Dacic den serbischen Geheimdienst BIA auf, den Zeitraum, seit dem Karadzic observiert worden war, bekanntzugeben.
Von Geheimdienst geschützt?
Gegenüber dem Belgrader Boulevard-Blatt "Press" soll Dacic gesagt haben: "Die BIA hat ihn geschützt, die BIA hat ihn jetzt auch übergeben". Der Pressedienst der serbischen Regierung erklärte hingegen, dass man "keine Information hat, dass Dacic eine solche Aussage machte". Das Innenministerium war für keine Stellungnahme erreichbar. In der "Press"-Redaktion hieß es, zur Zeit seien "alle Mitarbeiter der politischen Redaktion unterwegs". Die dpa hatte Dacic unter Berufung auf "übereinstimmende Berichte der Zeitungen in Belgrad" ebenfalls mit den Worten "Der Geheimdienst hat ihn geschützt, der Geheimdienst hat ihn jetzt übergeben" zitiert. Tatsächlich war aber diese Aussage von Dacic nur in der Tageszeitung "Press" zu finden.
Deckname "Dragan Dabic"
Bereits drei Jahre soll Karadzic - der unter dem Namen Dragan Dabic als Seelenarzt praktizierte und landesweit vielbeachtete Vorträge über Meditation hielt - seinem Anwalt zufolge in Belgrad gelebt haben. "Als ich im TV gesehen habe, dass Dragan Dabic eigentlich Radovan Karadzic ist, und als ich das Foto sah, bin ich erfroren. Ich wäre nie draufgekommen, dass der Mann, mit dem ich so oft zusammensaß und über alternative Medizin, Sport, manchmal auch über Politik redete, eigentlich Karadzic ist", sagte etwa dessen Internetseiten-Betreiber der Zeitung "Blic".
Vollbart abrasiert
Nun soll Karadzic wieder jener Person ähneln, die man aus den 90er Jahren in Erinnerung hat. Laut seinem Anwalt hat er wieder kurzes Haar und der Vollbart ist abrasiert. Sein falscher Personalausweis auf den Namen "Dragan Dabic" wurde in der Vojvodina-Kleinstadt Ruma ausgestellt. Der echte Dabic ist 1993 gestorben.
Identität längst enthüllt
Der serbische Geheimdienst BIA soll die Identität Karadzics vor etwa drei Wochen enthüllt haben, und zwar nach einem Telefongespräch mit einem Verwandten, wie der Anwalt glaubt. Seither sei Karadzic von der Polizei observiert worden. Karadzic habe dies bemerkt, als er in die Stadt und ins Kino ging, zitierten Medien seinen Anwalt Vujacic.
Tochter Sonja Karadzic forderte unterdessen vom internationalen Bosnien-Beauftragten Miroslav Lajcak, den Familienangehörigen die Reisepässe zurückzugeben. Sie waren ihnen im Jänner abgenommen worden, weil man annahm, die Familie gehöre zum Helfersnetz des jahrelang flüchtigen mutmaßlichen Kriegsverbrecher. Lajcak stellte eine rasche Entscheidung in Aussicht.
(apa/red)








