Verwandlung half mutmaßlichem Kriegs-
verbrecher nicht: Karadzic festgenommen
- Arbeitete in Belgrad unter falscher Identität als Arzt
- Verfasste als "Dragan Dabic" Artikel in Fachzeitschrift
Anwalt legt Berufung gegen Auslieferung an UNO ein

Radovan Karadzic, bosnisch-serbischer Ex-Präsident und einer der meist gesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrecher, ist nach offiziellen Angaben in Belgrad festgenommen worden. Dies bestätigte der für die Kooperation mit dem UNO-Tribunal zuständige serbische Arbeitsminister Rasim Ljajic bei einer Pressekonferenz in Belgrad.
Der Paukenschlag birgt gleich mehrere Überraschungen in sich: Nicht nur lebte der vom UNO-Tribunal in Den Haag wegen Genozid und Kriegsverbrechen angeklagte Karadzic zur großen Überraschung vieler in Belgrad, sondern er arbeitete noch dazu in einer privaten Ordination als Arzt und lebte unter einer falschen Identität - mit dem Namen Dragan Dabic - offensichtlich ziemlich unbehelligt in der serbischen Hauptstadt.
Perfekte Tarnung
Die Tarnung sei so perfekt gewesen, dass er sich in Belgrad frei bewegen konnte, sagte der Sonderstaatsanwalt für Kriegsverbrechen, Vladimir Vukcevic, bei einer Pressekonferenz in Belgrad. Weder seine Arbeitgeber noch die Wohnungsvermieter hätten einen Verdacht geschöpft. Auf einem ersten der Öffentlichkeit präsentierten Foto war Karadzic nicht zu erkennen: Stark abgemagert, weißes langes Haar, Vollbart und Brillen.
Verfasste Artikel in Medizinzeitschrift
Dabei war Karadzic unter dem Namen Dragan Dabic einer für die alternative Medizin interessierten Öffentlichkeit bekannt. Jahrelang soll er nämlich unter seinem falschen Namen Fachartikel in der populären Belgrader Zeitschrift "Gesundes Leben" (Zdrav zivot) veröffentlicht haben. Der Chefredakteur der Zeitschrift, Goran Kojic, zeigte sich schockiert, dass einer seiner Mitarbeiter der mutmaßliche Kriegsverbrecher war, berichtete der TV-Sender B-92.
Karadzic wurde nach Angaben von Ljajic und Vukcevic in der Umgebung Belgrads festgenommen. Alle anderen Spekulationen seien unzutreffend. Die Festnahmeaktion sei bereits länger geplant gewesen. Möglich erscheint, dass Karadzic im Belgrader Vorort Batajnica gelebt hat. Der 63-Jährige sei in dem Augenblick festgenommen worden, als er seinen Wohnsitz ändern wollte.
Unerwartete Spur
Ljajic zufolge ist das Fahndungsteam Karadzic unerwartet auf die Spur von Karadzic gekommen. "Wir haben weder den Termin noch den Ort für die Festnahme gewählt." Die Festnahme sei erfolgt, als das Sicherheitsrisiko am geringsten gewesen sei. Vukcevic bestätigte zudem, dass das Innenministerium nicht an der Festnahme von Karadzic beteiligt war. Karadzic ist laut Ljajic kein Staatsbürger Serbiens. Dies bedeutet, dass seine Überstellung an das UNO-Tribunal kaum verzögert werden kann.
Berufung gegen Auslieferung an UNO-Tribunal
Svetozar Vujacic, ein Anwalt von Karadzic, kündigte hingegen bereits an, dass er Berufung gegen die Auslieferung einlegen werde. Zuvor hatte ein Ermittlungsrichter nach der Einvernahme von Karadzic festgestellt, dass die Voraussetzungen für seine Überstellung an das UNO-Tribunal erfüllt seien. Es gebe keine Chance, dass Karadzic schon vor dem Wochenende an Den Haag überstellt werde, betonte Vujacic Medien gegenüber.
Karadzic nennt Festnahme "Farce"
Die offizielle Schilderung der Festnahmeaktion wurde von Vujacic als "zutreffend" bezeichnet. Was aber nicht stimme, sei der Termin der Festnahme. Nach Angaben Karadzics soll die Festnahme bereits einige Tage zuvor in einem städtischen Bus, der zwischen dem Stadtviertel Neu-Belgrad und Batajnica verkehrt, erfolgt sein. Daraufhin sei er in einem Raum eingesperrt worden, sagte der Anwalt unter Berufung auf Karadzic. Vor dem Ermittlungsrichter habe er hauptsächlich geschwiegen. Den ganzen Fall nannte Karadzic eine "Farce".
Der Pressedienst des serbischen Präsidenten Boris Tadic hatte mitgeteilt, dass Karadzic "in einer Aktion der serbischen Sicherheitsdienste aufgespürt und festgenommen" wurde. Die Festnahme erfolgte nur rund zwei Wochen nach dem Amtsantritt der neuen serbischen Regierung und vier Tage nach dem Personalwechsel an der Spitze des Geheimdienstes BIA, der seit Kurzem vom 36-jährigen Juristen Sasa Vukadinovic geleitet wird. Dessen Amtsvorgänger Rade Bulatovic war in der Ära von Slobodan Milosevic ein hoher Mitarbeiter der damaligen Nachrichtendienste.
Seit 1996 untergetaucht
Karadzic hatte im Sommer 1996 unter internationalem Druck den Posten des bosnisch-serbischen Präsidenten und dann auch die Führung der von ihm gegründeten Serbischen Demokratischen Partei aufgegeben. Kurz danach war er untergetaucht. Karadzic wurde vor allem im Grenzgebiet zwischen Bosnien und Montenegro vermutet.
(apa/red)








