Begeisterung auf Berlins Obama-Fanmeile: Fordert besseres Verhältnis USA-Europa

  • 200.000 Menschen verfolgten Rede an Siegessäule
  • McCain isst Bratwust & übt Kritik an Berlin-Auftritt KLICKEN: Auszüge aus Obamas Rede im Wortlaut

Der Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten, Barack Obama, hat in Berlin für einen Neuanfang in den transatlantischen Beziehungen geworben. Vor Tausenden Zuhörern an der Berliner Siegessäule forderte er Amerikaner und Europäer auf, ihre Konflikte hinter sich zu lassen und gemeinsam gegen globale Probleme wie Klimawandel und Terrorismus zu kämpfen. "Amerika hat keinen besseren Partner als Europa." Mehr als 200.000 Menschen haben die Rede an der Berliner Siegessäule verfolgt. Der republikanische US-Präsidentschaftsbewerber McCain hat unterdessen seinen demokratischen Rivalen Barack Obama für seinen Auftritt in Berlin kritisiert.

Konkret drängte Obama zu einem stärkeren gemeinsamen Engagement in Afghanistan. "Das afghanische Volk braucht unsere Truppen und eure Truppen, unsere und eure Unterstützung", um gegen die Taliban vorzugehen und ihr Land wieder zu entwickeln. Zur Frage einer Aufstockung der internationalen Truppen äußerte er sich dem Redetext zufolge nicht.

Beschwor Geist der Solidarität zwischen Amerika & Europa
In seiner Rede beschwor Obama den Geist der Solidarität zwischen Amerika und Europa, wie er sich vor 60 Jahren in der Luftbrücke für Berlin gezeigt habe. Auch die heutigen Probleme könne kein Staat alleine lösen, sagte Obama. "Deshalb können wir uns eine Spaltung nicht leisten." Er räumte ein, dass sich Amerika und Europa in der Vergangenheit auseinandergelebt hätten. "Wenn wir ehrlich zueinander sind, wissen wir, dass wir manchmal auf beiden Seiten des Atlantik auseinandergedriftet sind und unser gemeinsames Schicksal vergessen haben."

"Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!"
Obama griff den Aufruf des früheren Berliner Bürgermeisters von Berlin, Ernst Reuter, auf, der 1948 während der Blockade Berlins gesagt hatte: "Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!" Obama verband damit den Aufruf, frühere und künftige Konflikte zu überwinden. "Schaut auf Berlin", wo Deutsche und Amerikaner sich versöhnt hätten, wo der Marshall-Plan die Zukunft Deutschlands gesichert habe und die Trennung Europas beendet worden sei. Die Weltgemeinschaft müsse sich für die Rettung des Planeten, für Gerechtigkeit in der globalisierten Wirtschaft und für Freiheit für die Opfer von Diktaturen einsetzen. "Menschen Berlins - Menschen der Welt - dies ist unser Augenblick. Dies ist unsere Zeit."

Obama richtete sich mit seiner Rede an der Siegessäule und in Sichtweite des Brandenburger Tors nicht nur an die Zuhörer in Berlin, sondern vor allem auch an sein amerikanisches Publikum. Sein Auftritt ist die einzige öffentliche Rede während seiner einwöchigen Reise, die ihn zuvor nach Afghanistan, Irak, Jordanien und Israel führte. Sie soll sein außenpolitisches Profil im Wahlkampf gegen seinen republikanischen Rivalen John McCain schärfen. Zuvor hatte Obama Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier getroffen. Er will am Freitag nach Paris und London weiterreisen.

Afghanistan-Appell stieß auf wenig Begeisterung
Die Forderung des US-Präsidentschaftsbewerbers nach mehr Solidarität im Anti-Terror-Kampf in Afghanistan ist bei seiner Rede in Berlin auf hörbar geringe Begeisterung gestoßen. Das deutsche Publikum, das dem US-Senator während seiner vom US-Sender CNN übertragenen Ansprache vor der Siegessäule enthusiastisch zugejubelt hatte, konnte sich nicht sonderlich für dessen Aussage erwärmen, dass Amerika diese Aufgabe in Afghanistan nicht allein erfüllen könne.

Deutlich größerer Applaus brandete auf, als Obama eine atomwaffenfreie Welt forderte. Beobachter hatten bereits erwartet, dass sich der demokratische Politiker in Deutschland beim Thema Afghanistan schwertun wird. Berlin lehnt eine Ausweitung des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr in gefährlichere Gebiete des Landes am Hindukusch mit Rücksicht auf die Stimmung in der Bevölkerung ab.

McCain besucht deutsches Restaurant in Ohio
Der republikanische US-Präsidentschaftsbewerber John McCain hat seinen demokratischen Rivalen Barack Obama für seinen Auftritt in Berlin kritisiert. "Ich würde es lieben, eine Rede in Deutschland zu halten", sagte McCain in Columbus im Bundesstaat Ohio. "Eine politische Rede oder vielleicht eine Rede, die das deutsche Volk interessieren würde. Aber ich würde das viel lieber als Präsident der USA tun statt als Kandidat für das Amt des Präsidenten." McCain sprach in einem Teil der Stadt, die als German Village bekannt ist. Dort aß er zu Mittag eine Bratwurst. Ohio gehört zu den US-Staaten, in denen sich sehr viele deutsche Einwanderer niederließen.

Auch die Republikaner spotteten über Obamas Rede vor 200.000 Menschen im Tiergarten und über Vergleiche mit dem Berlin-Besuch von Präsident John F. Kennedy 1963. "Ich bin ein Hypocrite" (Heuchler), hieß es in deutscher Sprache in der Überschrift einer Erklärung der Partei in Anspielung auf Kennedys legendären Satz "ich bin ein Berliner". In dem Text wird Obama vorgeworfen, keine führende Rolle bei Diskussionen über den Afghanistan-Krieg in den Ausschüssen des Senats an sich gerissen zu haben. Obama hatte in seiner Rede vor der Siegessäule die Bedeutung des Kriegs in Afghanistan für die freie Welt betont.

(apa/red)

24.7.2008 22:38
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