EURO 2008 Messlatte für künftige Turniere:
Martin Kallen sieht höhere Qualität als 2004

  • Über EM in Polen & Ukraine steht noch Fragezeichen
  • Besucher mit Qualität der Betreuung sehr zufrieden

Die EURO 2008, die von den Organisatoren im Wiener Hotel Hilton als beste Fußball-EM-Endrunde gepriesen worden ist, wirft einen Monat nach dem Schlusspfiff des Finales Deutschland - Spanien (0:1) im Happel-Stadion ihre langen und positiven Schatten auf das nächste EM-Turnier. Martin Kallen, Chef der UEFA-Tochter Euro 2008 SA, lobte Österreich und die Schweiz mit einem Blick auf 2012 und sagte: "Polen und die Ukraine wurde die Messlatte so hoch gelegt, dass sie nur schwer zu übertreffen sein wird."

Die heurige EURO sei qualitativ nochmals höher stehend gewesen als jene 2004. "Nur die Stimmung war in Portugal besser, weil auch das Veranstalterland bis ins Finale vordrang", meinte auf der 236. und letzten Medien-Konferenz der EM '08 der Berner Oberländer unter dem Hinweis, dass diesmal beide Gastgeber nach der Gruppen-Phase ausgeschieden waren. ÖFB-Präsident Friedrich Stickler sprach von einem Fußball-Fest, das als einmaliges Erlebnis in Erinnerung bleiben werde.

"Ich habe unglaublich viele positive Rückmeldungen auf die Veranstaltung bekommen", betonte Stickler. Der Lotterien-Chef erzählte von einem "netten Brief" des UEFA-Präsidenten Michel Platini ebenso wie von Anerkennungen, die er von Mitgliedern des UEFA-Exekutivkomitees, der teilnehmenden Verbände und aus Sponsorenkreisen erhalten habe. "Viele haben haben erstmals ein Fußballspiel gesehen und waren begeistert."

Ende September fällt Entscheidung über Austragungsplan 2012
Zurück zur Zukunft: Das Exekutiv-Komitee der Europäischen Fußball-Union (UEFA) entscheidet Ende September in Bordeaux darüber, ob die nächste Kontinental-Meisterschaft überhaupt wie geplant in den osteuropäischen Ländern stattfinden kann. Verzögerungen der Stadienbauten und der Verkehrsinfrastruktur haben in den vergangenen Monaten immer wieder Zweifel aufkommen lassen, ob die EURO 2012 reibungslos über die Bühne gehen könne. Zuletzt hatte sogar Platini den Gastgebern gedroht.

Kallen sagte dazu in Wien, dass der UEFA-Exekutive über den Stand der Vorbereitungen ein Bericht vorgelegt werde. "Ich habe aber derzeit keine großen Bedenken, dass die EM nicht dort stattfinden könnte." Mit dem Ablauf der EURO in der Schweiz und Österreich sei er sehr zufrieden. "Es gab ausgezeichneten Fußball, tolle Fans und keine Zwischenfälle", resümierte der Schweizer und erhielt ebenso wie EM-Pressechef Wolfgang Eichler Lob für die professionelle Arbeit. Kallen habe stets die Übersicht gehabt und Ruhe bewiesen.

Die Schwierigkeiten im Hinblick auf 2012 sind für die UEFA aber nicht die einzigen Sorgen. Kallen räumte ein, dass auch der Karten-Schwarzmarkt ein Problem sei, das man derzeit noch nicht zu 100 Prozent kontrollieren könne. "Wir werden überlegen, was in Zukunft für Verbesserungen zu tun ist." Zwischen den Gruppen-Spielen und dem Viertelfinale hätten die Aufsteiger wenig Zeit, Tickets abzusetzen. Daher blieben einige Sitze auf den Tribünen frei. Während Kontrollen vor den Stadien wurden rund insgesamt 1.300 Tickets eingezogen oder für ungültig erklärt. Schon bei der ersten Internet-Auslosung nach Bestellungen wurden 1,7 Mio. Anträge gelöscht, weil sie offenbar von dubiosen Händler gekommen waren.

TV-Anstalten verlangen Schadenersatz
Die Rekordeinnahmen aus der 13. EM-Endrunde könnten noch einen zusätzlichen und unplanmäßigen Abzugsposten bekommen. Denn zwei, drei TV-Anstalten verlangen Schadenersatz wegen des Leitungsausfalls während des Halbfinales Deutschland - Türkei (3:2) in Basel. Kallen sagte dazu, man verhandle über die Regress-Ansprüche. Details wollte der Schweizer allerdings nicht kundtun. Ein starkes Gewitter über der UEFA-Fernseh-Zentrum in Wien hatte zu Stromaussetzern und in einigen Ländern zu TV-Störungen bis zu insgesamt 18 Minuten geführt.

Das Turnier verlief in den beiden Ländern ohne nennenswerte Zwischenfälle, ein Eingreifen der Sicherheitskräfte war dank des vorbildlichen Verhaltens der Fans nur in Einzelfällen erforderlich. In den acht EM-Stadien waren neben der Polizei knapp 10.000 private Security-Leute im Einsatz. Pro Partie waren es - je nach Risiko-Einstufung der Begegnung und Größe der Stadien - zwischen 400 und 1.100.

5.390 Public Viewing-Lizenzen
Für das offizielle Public Viewing wurden in 56 Ländern insgesamt 5.390 Lizenzen, davon rund 880 in Österreich bzw. 720 in der Schweiz, vergeben. Die Einnahmen aus diesem Bereich werden von der UEFA für Fan-Projekte verwendet, detaillierte Abrechnungen liegen derzeit noch nicht vor. In den offiziellen Fan-Zonen wurden über 4 Millionen Menschen gezählt. In Rechtsverletzungsfällen wurde die UEFA in 49 Ländern 569-mal aktiv. Zehn Fälle endeten vor Gericht, fünf davon gingen zugunsten der UEFA aus, fünf sind noch anhängig.

Überaus positiv war das Feedback verschiedener Zielgruppen. Eine Umfrage unter Stadion-Besuchern, die zu 79 Prozent männlich waren, ergab, dass sie sich in Österreich im Schnitt 3,6 Nächte (Schweiz 3,4) aufhielten und dabei 1.327 Euro (983) ausgaben. 90 Prozent der Gäste hatten einen "positiven" oder "sehr positiven" Gesamteindruck von Österreich. 85 Prozent der über 10.000 Medien-Vertreter hatten von den Arbeitsbedingungen in den acht Stadien einen "guten" bzw. "sehr guten" Eindruck.

Betreuung war "sehr gut"
Es wurden 80.000 VIP-Kaufkarten (Portugal 2004: nur 27.000), die einen Sitzplatz der ersten Kategorie, First-Class-Catering, Geschenk, Unterhaltungsprogramm beinhalteten, angeboten und auch von dieser Seite gab es positive Noten. Ein "sehr gut" oder ein "ausgezeichnet" gab es von 89,3 Prozent der Befragten für die Qualität der Betreuung, von 88,6 Prozent für das Essen und von 90 Prozent für das Gesamterlebnis.

Die insgesamt 5.000 freiwilligen Helfer, ohne die die drittgrößte Sportveranstaltung der Welt nicht durchführbar wäre, behalten Österreich und die Schweiz ebenfalls in angenehmer Erinnerung. 74 Prozent beschrieben die Stimmung im Team als "sehr gut", weitere 23 als "gut". Neun von zehn "Volunteers" waren der Meinung, ihr Aufgabengebiet wäre interessant und lehrreich gewesen. Die Vorbereitungen wurden zu 95 Prozent als "sehr gut" bis "gut" bewertet.
(apa/red)

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29.7.2008 17:50
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