Wiener Börse gerät stark in Bedrängnis:
Neue Handelsplattformen als Bedrohung

  • FORMAT: Konkurrenten sind billiger und flexibler
  • Die Spesen werden auch für Anleger günstiger

Lange hat es so ausgesehen, als wären sie nicht mehr als ein reines Schreckgespenst oder als würde sich ihr Start zumindest erheblich verzögern. Aber jetzt sind sie tatsächlich da und haben mit dem Handel österreichischer Aktien begonnen. Die Rede ist von sogenannten außerbörslichen Handelsplattformen, die angetreten sind, um den etablierten Börsen Marktanteile abzujagen.

Auf der Online-Plattform Chi-X kann man seit 13. August mit Aktien der Erste Bank, voestalpine, Raiffeisen International, OMV und Telekom Austria handeln. "Seit dem Start von Chi-X vor ungefähr siebzehn Monaten haben wir Handelsdienstleistungen für viele der wichtigsten europäischen Aktien eingeführt und freuen uns darauf, nun unser Angebot um diese österreichischen Werte erweitern zu können", sagt Peter Randall, der CEO des Unternehmens. Die restlichen ATX-Firmen sollen bis Ende des Monats folgen.

"Turquoise" in Startlöchern
Bereits in den Startlöchern scharrt auch die Plattform Turquoise, die am 22. August den Handel ebenfalls mit fünf heimischen Top-Titeln aufnahm und spätestens Mitte September die gesamt ATX-Palette anbieten will. Eli Ledermann, der Chef von Turquoise ("Türkis"), schraubt seine Erwartungen sehr hoch: Schon bis Weihnachten möchte er fünf Prozent Marktanteil.

Mehr als ein Ausprobieren lässt sich in den ersten Tagen von Chi-X mit österreichischer Präsenz noch nicht feststellen: So wechselten zuletzt in vier Stunden 1.885 Erste-Bank-Aktien den Besitzer. Im selben Zeitraum waren es an der Wiener Börse über 230.000 Stück. Doch das Volumen an der Chi-X wird mit jedem Tag größer, das zeigt sich auch an Titeln aus Deutschland oder England, die schon seit längerer Zeit mit dabei sind. Bei deutschen Werten soll die Handelsplattform mittlerweile schon zweistellige Marktanteile erreicht haben, bei englischen spricht man von 15 Prozent.

Billig und flexibel
Der große Trumpf der neuen Plattformen ist der deutlich niedrigere Preis: Gemäß einer von Chi-X durchgeführten Untersuchung liegen die Handelskosten an der Wiener Börse bei durchschnittlich 4,24 Basispunkten (0,4 Promille des Transaktionswertes). Das ist mehr als das 80fache der Kosten bei Chi-X, wo nur 0,05 Basispunkte verrechnet werden. Ein Beispiel: Bei einem Aktienkauf im Volumen von 100.000 Euro fallen hier nur 50 Cent an, an der Börse sind es rund vier Euro. Darüber hinaus versuchen die elektronischen Plattformen mit flexibleren Handelszeiten und Schnelligkeit zu punkten. Chi-X rühmt sich, die Aufträge zehnmal schneller als die traditionellen Börsen ausführen zu können.

Der Druck auf die Wiener Börse in Richtung ordentliche Gebührensenkungen wird jetzt immer stärker. "Sie wird nicht umhin kommen, die Hosen ordentlich runterzulassen", meint ein Banker. Die Wiener Börse gilt als eines der teuersten Handelshäuser Europas, sieht aber momentan trotzdem noch keine Veranlassung, an der Preisfront nachzugeben: "Wir müssen uns erst anschauen, was diese Plattformen für uns bedeuten. Das größte Geschäft machen die ja mit den Siemens dieser Welt. Ob eine Reaktion notwendig ist, lässt sich jetzt noch nicht sagen", bremst Börse-Chef Heinrich Schaller das Verlangen der Finanzbranche.

Es wird auch für Anleger günstiger
Handeln können über Chi-X & Co nur professionelle Broker und Wertpapierhändler in den Banken, keine Privatanleger. Die Leute von Turquoise waren vor einigen Monaten in Wien, um die Profis von ihrem Angebot zu überzeugen. Während die großen Online-Broker wie direktanlage.at, ecetra und boerse-live.at alle mit an Bord sind, will man sich bei den heimischen Banken noch nicht festlegen. RZB-Vorstand Patrick Butler erläutert: "Natürlich verfolgen wir als RZB die Entwicklungen mit großem Interesse und evaluieren gegenwärtig die Teilnahme bei einzelnen Systemen, wobei vor allem Technik und Sicherheit im Vordergrund stehen und nicht ausschließlich die Handelsspesen. Auch die Erste Bank will noch zuwarten. Hinter vorgehaltener Hand heißt es aber: "Wir können uns gar nicht leisten, nicht mit dabei zu sein. Das sind wir unseren Kunden schuldig."

Ziemlich rasch wird die neue Konkurrenz für die Börse nämlich auch zu einer drastischen Reduktion der Gebühren führen, die Privatanleger bei Wertpapiergeschäften an ihre Bank zahlen.

Die ganze Story lesen Sie im FORMAT 34/08!

22.8.2008 13:20
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