Noble Zurückhaltung und volle Angriffslust:
Van der Bellen und Faymann im TV-Duell
- Der news.at-Kommentar zur Fernseh-Diskussion
- Routinierter Professor gegen Newcomer der SPÖ

Die Fronten waren schon im Vorfeld abgesteckt. In der Fernsehdebatte zwischen dem Bundessprecher der Grünen, Van der Bellen, und dem Chef der SPÖ, Werner Faymann, hoffte man vergebens auf inhaltliche Knalleffekte. Neben der Liste von Übereinstimmungen gab es vor allem drei Streitpunkte: Mehrwertsteuer, Klimapolitik und die EU. Atmosphärisch trat in dieser Debatte der routinierte Professor gegen einen Newcomer an. Doch Van der Bellen konnte diese Karte niemals so recht ausspielen.
Das Fernsehpublikum hat sich an Van der Bellen gewöhnt. Sein schwerfälliger, oftmals stockender Redefluss hat schon eine eigenwillige Anhängerschaft gefunden. Obwohl wahrscheinlich selbst seine Studenten Schwierigkeiten haben werden, seinen Vorträgen zur Gänze zu folgen, wurde es einem Fernsehpublikum, das sich an Reduktionen auf das Wesentliche bis hin zu Verkürzungen auf das Unwesentliche gewöhnt hat, nicht leicht gemacht. Kurzzeitig verstieg sich die Debatte in Details der Budgetplanung, wodurch die Dynamik endgültig zum erliegen kam.
Unbekannte Variable der SP
Faymann war die unbekannte Variable in diesem Fernseh-Duell. Mit Spannung wurde sein erster Fernsehauftritt in diesem Rahmen erwartet. Die Prüfung bei seinem Professor hat er bestanden: Faymann war professionell vorbereitet, hat überlegt und gleichzeitig überzeugend argumentiert und konnte in der Diskussion die dominierende Position einnehmen. Trotz seines Newcomer-Status wirkte er in weiten Teilen routinierter als sein Kontrahent.
Die erste wirkliche Attacke wurde überraschend von Faymann geführt. Die Gulaschsuppe des Herrn Professor brachte den SP-Chef in Rage. Hintergründig ging es dabei weniger um Suppen, als vielmehr um die Halbierung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel. Dieses Thema war schon im Vorfeld Streitpunkt zwischen Rot-Grün und bot somit inhaltlich wenig Neues. Auch wenn die Argumente des Herrn Professors durchaus sachlich überzeugen konnten, so glich Faymann die fehlende Kraft seiner Argumente mit Eloquenz aus. Zwar ist nicht einzusehen, warum man eine teure, wenig treffsichere Maßnahme anderen Mitteln wie etwa bei der Lohnsteuer vorziehen sollte. Doch Faymann ließ sich nicht beirren.
Professor sieht rot
Die Klimapolitik hingegen reizte Van der Bellen. In einem emotionalen Ausbruch stellte er fest: "Jetzt reicht es aber, Herr Minister!" Doch auch hier konnte sich der Bundessprecher der Grünen kaum durchsetzen. Abgesehen von den Positionen zu Benzinpreis und Straßenbau, bei denen die Grünen in Einsamkeit verharren, konnte der Professor auch das Thema Forschung und Entwicklung in diesem Bereich nicht gekonnt präsentieren. Dem Konter Faymanns wurde nichts mehr entgegnet.
Die Gelassenheit Faymanns und die Nervosität Van der Bellens sind durchaus erklärbar. Bei den Grünen ging es in dieser Debatte um wichtige Wechselwähler, die sich noch nicht zwischen Rot und Grün entschieden haben. Für die SPÖ ist diese Wählergruppe wenig entscheidend. Sie konzentriert sich vornehmlich auf andere Bereiche, wie etwa die große Gruppe der Unentschlossenen. Trotz dieser Ausgangsposition bleibt die Strategie der Grünen bedenklich. Der einseitige Verzicht auf Angriffe wird vom Kontrahenten nicht erwidert. So hat das Fernsehpublikum vergeblich auf jenes Thema gewartet, das die SPÖ wirklich schmerzen könnte: den Eurofighter-Deal.
(Sebastian Baryli)








