Der Kaukasus-Krieg und das neue Spiel:
US-Ambitionen und Moskaus Aufbegehren

  • news.at-Kommentar zur Trendwende der Weltpolitik
  • Neue Kriege und mangelhafte historische Vergleiche

Der Kaukasus-Krieg hat die Welt verändert - oder zumindest eine Trendwende herbei geführt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wähnten sich die USA in einem Rausch der Allmacht. Eine unipolare Weltordnung wurde ausgerufen, ehemalige Verbündete brüskiert und in fremden Einflussgebieten gewildert. Moskaus Scharmützel mit Georgien hat klar gestellt: Der Traum einer Harmonie zwischen den Mächten ist ausgeträumt und Russland bietet seinem Kontrahenten Paroli.

Der Kalte Krieg ist kaum zu einer Anekdote der Geschichte verblasst, schon fühlt man sich wieder zurück versetzt in Zeiten scharfer Kriegsrhetorik der beiden Supermächte. Viele Kommentatoren haben diesen Vergleich bemüht, doch trifft dies kaum den Kern der Sache. Denn weder die internationale Struktur der Machtverhältnisse noch die Regeln dieses neuartigen Spiels der internationalen Ordnung sind vergleichbar mit dieser Phase der Geschichte. Der Kalte Krieg ist nicht zurück gekehrt, sondern der Kaukasus-Konflikt wurde erst durch das Ende des Kalten Kriegs möglich. Ein neues Spiel ist eröffnet und die Regeln dafür müssen sich noch heraus kristallisieren.

Verschiebung der Grenzen
Das Abkommen von Jalta markierte die endgültige Aufteilung Europas. Eine Linie von Stettin bis Triest begrenzte scharf die Einflusszonen der jeweiligen Supermächte. Die Implosion der Sowjetunion ließ die Berliner Mauer bröckeln, doch die Einflusszonen lösten sich damit nicht auf. Vielmehr entbrannte ein neuer Kampf um die Vorherrschaft, den der russische Bär nur sehr schwächlich bestehen konnte.

Russland hat sich fast zwei Jahrzehnte später von seiner Krise erholt und die USA den Bogen in Moskaus Augen weit überspannt. Washington hat in zwei weltpolitischen Ereignissen bewiesen, dass es die internationalen Machtverhältnisse in Bezug auf Russland neu ordnen will. Mit dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts schielte es unverhohlen auf die neuen Flächen am Spielbrett der Weltpolitik.

Wilderungen der USA
Zunächst haben die USA in den ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten immer mehr Geltung gewonnen. In zwei Schüben wurde die NATO-Osterweiterung voran getrieben - ohne Rücksicht auf russische Vorbehalte. Außerdem spielten die USA im ehemaligen Jugoslawien und insbesondere mit ihrer Kosovo-Politik eine provokative Rolle. Damit wurde nicht nur Serbien herausgefordert, sondern auch die russische Position weiter unterminiert. Seit dem Irak-Krieg haben die USA die Grenzen noch weiter Richtung Moskau verschoben. Mit der Gewährung von Überflugsrechten und Stationierungen von Truppen in den zentralasiatischen Republiken wurde Russland vollends in die Ecke gedrängt.

Russland hat nun zurück geschlagen. Die von den USA verkündete Harmonie der neuen Weltordnung konnte nur dürftig die tatsächlichen, machtpolitischen Erwägungen Washingtons übertünchen. Die Grenzen des Kalten Kriegs wurden endgültig aufgelöst und die Machtfülle der USA deutlich erweitert. Der Kaukasus-Krieg verdeutlichte eine gewisse Trendwende: die USA dürfen Moskau als weltpolitischen Faktor nicht ignorieren. Die wiedererlangte Stärke Russlands ist jedoch kein Hinweis auf eine angebliche Schwäche der verbliebenen Supermacht USA.

(Sebastian Baryli)

4.9.2008 09:04
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