Ars Electronica 2008 öffnet seine Pforten:
'Cyberarts' bildet den Auftakt des Festivals
- Ausstellung aber weit weniger verspielt als gewohnt
- 'Gedankenprojektor' bildet menschliche Gedanken ab

Den virtuellen Raum in die Hand nehmen, die Physik des Sonnensystems ändern oder den Bombenangriff auf Dresden 1945 hören, aber nur dann, wenn man sich die Ohren zuhält: Dies kann man bei der nun eröffneten Ars Electronica in Linz bewundern. Bevor sich das Linzer Computerkunst-Festival theoretisch mit seinem heurigen Thema "A New Cultural Economy" auseinandersetzt, präsentierte sich erstmal die Medienkunst. Und die Ausstellung der preiswürdigen Arbeiten des "Prix Ars Electronica" im O.K. Centrum ist bei weitem weniger verspielt als gewohnt.
So veraltet der Begriff mittlerweile in den Ohren der Internetgeneration von heute klingen mag: Der Name der "CyberArts"-Ausstellung im O.K. Centrum bringt den heurigen Programm-Schwerpunkt der Ars Electronica geglückt auf den Punkt. Denn das Kunstschaffen von heute ist immer schwerer am realen Raum festzumachen, es wird gleichsam immer virtueller.
Schallplatten und Videokassetten zu kopieren, war noch mit einem gewissen Aufwand verbunden. Doch Musik- und Filmdateien lassen sich ebenso frei kopieren wie elektronische Texte, und wenn man schon kein wertvolles Gemälde zu Hause an die Wand hängen kann, so kann man doch Video- und Medienkunst leicht vervielfältigen. Und es ist daher für die Kunstschaffenden immer schwieriger, jenen Anspruch auf Exklusivität aufrechtzuerhalten, für den Kunst-Konsumenten gerne viel Geld ausgeben. So braucht es nicht nur neue ökonomische Modelle für Popmusik und Hollywood. Sondern bald auch für die "ernste" Medien-Kunst. Wie diese neue Kultur-Ökonomie aussehen soll, sollen die kommenden Tage klären.
Bis zur Rückseite des Auges
Doch die Grenzen des Besitzanspruches verschwimmen nicht nur bei Popsongs und Kinofilmen. Auch der menschliche Körper, das virtuelle Innenleben realer Räume und zuletzt sogar die Gedanken werden bei der Ars Electronica öffentlich zugänglich gemacht: In der Landesgalerie blickt die aufwendige Optik des "Gedankenprojektors" bis an die Rückseite des eigenen Auges und versucht dort Abbilder der innersten Gedanken zu finden. Zwischen Retina, Augenhintergrund und Iris formen sich da esoterische Bilder, die an parapsychologische Aura-Fotografie und Wissenschaftsspuk erinnern. Doch es war fast zu erwarten: Nicht jeder Gedanke ist ein Bild wert. Warum man etwa ausgerechnet an etwas gedacht haben soll, das aussieht wie ein schwarzes Huhn mit gelben Schwanzfedern, muss man sich wohl in einer stillen Stunde mit sich selber klären.
In der "CyberArts-Schau" im O.K. Centrum (bis 5. Oktober), bei der die ausgezeichneten bzw. mit einer Würdigung versehenen Einreichungen zum "Prix Ars Electronica" zu sehen sind, wird jene Performance dokumentiert, mit der der Schweizer Yann Marussich im Lentos die Kanäle und Kreisläufe seines Körpers nach außen kehren wird - auf greifbare Weise: Bei "Bleu Remix" scheidet der regungslos verharrende Marussich eine blaue Flüssigkeit über seine Tränendrüsen, Poren und seinen Mund aus. Dieser bewegungslose Tanz der Körpersekrete ist Teil jener Genre-Grenzen überschreitenden Preiskategorie "Hybrid Art", die die Ars Electronica heuer zum zweiten Mal würdigt. Die "Goldene Nica" ging dabei an ein Projekt, das zwischen Wirtschaftskritik, Umweltschutz und Laserkunst angesiedelt ist: Bei "Nuage Vert" wurden im Rahmen der Projektserie "Pollstream" im Februar 2008 Emissionen einer Fabrik in giftig-grünes Laserlicht getaucht, und gleichzeitig die Bevölkerung von Helsinki dazu gebracht, all ihre elektrischen Geräte abzudrehen. (apa/red)









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