Sie können nie schön genug sein: Psychisch
Kranke wollen Perfektion durch Operation

  • Bereits 15 Prozent mit körperdysmorpher Störung
  • Ärzte müssen die Betroffenen rechtzeitig erkennen

Die Nase zu groß, die Augen zu klein, die Lippen zu schmal, die Haut zu blass: Wenn der Blick in den Spiegel dem Betrachter nur noch Unschönheit suggeriert, ist das ein Alarmsignal. Betroffene zieht es oft in die Praxen der Schönheitschirurgen. Dabei wären sie bei Psychotherapeuten an der richtigen Adresse.

Das Geschäft mit der Schönheit boomt. Nach Angaben der Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie Deutschland legen sich die Deutschen zu Hunderttausenden auf die OP-Tische, um Lider, Busen, Nase korrigieren zu lassen. 400.000 Schönheitsoperationen exklusive Fettabsaugungen gab es Schätzungen zufolge allein 2006.

Nie schön genug
Manche Patienten werden aber auch mit dem perfektesten Ergebnis nicht glücklich. Sie leiden an einer verzerrten Wahrnehmung ihrer Erscheinung: einer körperdysmorphen Störung (KDS). Bei 80 Prozent der Betroffenen verschlechtere sich der Zustand nach einer Operation sogar, berichtet die Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie in Münster. Oft beschäftigen sich die Patienten fast ständig mit einem nicht oder nur leicht vorhandenen Makel oder Defekt im Aussehen, was ihren Alltag stark beeinträchtigt. "Viele Betroffene sind suizidgefährdet oder haben schon mehrere Selbstmordversuche hinter sich", berichtet Buhlmann Oder sie verletzten sich selbst.

Zwanghafte Gedanken über das Aussehen
Die Störung belastet die Betroffenen sehr und flößt ihnen Angst ein. Sie denken oft stundenlang über ihre Erscheinung nach oder leiden unter zwanghaften Gedanken über ihr Aussehen. Sie vergleichen sich mit anderen Personen, pflegen sich exzessiv oder vertuschen vermeintliche Defekte, zum Beispiel dünnes Haar durch das Tragen von Hüten. Immer wieder überprüfen sie ihr Aussehen in Spiegeln oder anderen reflektierenden Oberflächen. Sieben bis 15 Prozent der Klienten von Schönheitschirurgen gelten als betroffen. Man könne Betroffene nicht zufriedenstellen, wenn man sie behandele.

Die ästhetisch-plastischen Chirurgen müssen sich bei dem Versuch, Betroffene rechtzeitig zu erkennen und ihnen zu einem Besuch beim Psychiater zu raten, auf ihre Erfahrung verlassen. Die Forschung stecke noch in den Kinderschuhen, sagt Ulrike Buhlmann. Sie hat eine der ersten qualitativen Internet-Studien zum Thema erstellt. Daran beteiligten sich rund 150 Kranke aus aller Welt.

Hänseleien in der Kindheit
Zu den Ergebnissen zählte laut Buhlmann, dass Betroffene ihr Aussehen wichtiger nehmen als andere Aspekte ihres Lebens. In der Pubertät seien sie oft gehänselt worden und hätten sich das sehr zu Herzen genommen. Die Eltern hätten hohe Erwartungen an die Perfektion ihrer Kinder gestellt. So seien manche schon im Alter von fünf Jahren kritisiert worden, wenn ihr Haar nicht richtig gelegen habe. Buhlmann will der Krankheit noch genauer auf die Spur kommen. Sie plant eine Studie zum Umgang Betroffener mit Merkmalen ihres Gesichtes und sucht Teilnehmer für die Untersuchung.

"Wenn jemand eine richtige körperdysmorphe Störung hat, ist man in ernsten Schwierigkeiten", sagt Wolfgang Gubisch. So war es auch im Fall seiner Patientin. Weil sie sich für entstellt hielt, ließ sie sich ein Jahr lang krankschreiben und ging nicht einmal zur Beerdigung ihrer Mutter. Schließlich habe er sich nicht mehr zu helfen gewusst, berichtet der Chirurg. Er habe sie ein Wachsmodell anfertigen lassen und sie erneut operiert: "Die Änderung war minimal aber dann war sie einverstanden."

(apa/red)

5.9.2008 11:12
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