"Falsches Verhalten wird sogar belohnt":
Kritik an Fannies & Freddies Verstaatlichung
- "Verluste werden der Allgemeinheit aufgebürdet"
- "Republikanische Regierung kehrt Ideologie Rücken"
Die europäische Presse reagiert skeptisch auf den Beschluss der amerikanischen Regierung, die US-Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac zu verstaatlichen. Ein Panoramablick über die Stimmung bei Europas Medien.
"El Periodico de Catalunya" (Barcelona, Spanien)
"Mit ihrer Rettungsaktion für die Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac musste die Bush-Regierung eingestehen, dass die von ihr angestrebte weltweite Finanzordnung der totalen Permissivität gescheitert ist. Washington ging nun nach dem berühmt-berüchtigten Prinzip vor, die Verluste der Allgemeinheit aufzubürden, nachdem Investoren und Spekulanten zuvor ihre Gewinne eingestrichen hatten. Die Börsen in aller Welt reagierten euphorisch auf die Rettungsaktion. Dies ist ein gutes Zeichen für die hartnäckigen Spekulanten, aber nicht für die Erfordernisse einer neuen weltweiten Finanzordnung."
"The Times" (London, Großbritannien)
"Die Rettung von Fannie Mae und Freddie Mac ist nicht ohne Risiko, weder philosophisch noch praktisch. Groß ist die moralische Gefahr, weil davon die Botschaft ausgeht, dass falsches Verhalten nicht bestraft sondern sogar belohnt wird. Und auf lange Sicht ist die Zukunft von Fannie und Freddie und die Rolle der Regierung auf dem Immobilienmarkt nicht sicher. Aber für die US-Behörden waren die Bedürfnissen des Finanzsystems und das Wirtschaftswachstum vordringlich. Ihr Mut sollte die britischen Politiker dazu bewegen, ihre eigenen Strategien zu überdenken."
"Berlingske Tidende" (Kopenhagen, Dänemark)
Der Entscheidung der US-Regierung zur Nationalisierung der beiden führenden Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac zeigt, wie umfassend die Krise auf dem Immobilienmarkt ist. (...) Wenn man Finanzminister Henry Paulson etwas vorwerfen kann, dann den zu späten Zeitpunkt der Verstaatlichung. Indem er den Banken zunächst Liquidität verschaffte, gab er Aktionären und der Führung die Möglichkeit, noch einen Teil des Gewinns für sich zu retten, der einer verantwortungslosen Kreditpolitik entstammt. Privataktionäre und unverantwortliche Topmanager aber sollen nicht mit dem Geld der Steuerzahler gerettet werden. Durch die Nationalisierung vom Wochenende sind nun endlich klare Linien gezogen worden. Jetzt verlieren die Aktionäre alles. So muss es in einer Marktwirtschaft sein. (...) Dass der Staat hin und wieder eingreifen muss, wenn eine Finanzeinrichtung einfach zu wichtig geworden ist, um in Konkurs zu gehen, ist ein Preis, den wir bezahlen sollten."
"Le Monde" (Paris, Frankreich)
"Die Ankündigung des US-Finanzministers Henry Paulson vom Sonntag, die Kontrolle über die beiden riesigen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac zu übernehmen, illustriert aufs Neue den Umfang der Immobilien- und Finanzkrise, die die größte Wirtschaftsmacht der Welt erschüttert. Sie zeigt, dass auch eine republikanische Regierung der Ideologie den Rücken kehren und sich pragmatisch zeigen kann, wenn die Situation es erfordert. Dies ist auch kein Novum. Anders als Republikaner und manchmal auch Demokraten sagen, vergessen amerikanische Regierungen gerne die Gesetze der Marktwirtschaft und eilen Privatunternehmen zur Hilfe, wenn die Risiken für die Wirtschaft als Ganzes zu groß werden."
(apa/red)








