Ein Mann verändert die Wirtschaftspolitik:
Paulson soll jetzt US-Finanzsystem retten
- Finanzminister muss eigenem Credo abschwören
- War für Ursachen des Kollaps selbst verantwortlich
Gegen seinen Willen wird dieser Mann mit einem Rieseneingriff des Staats in die Wirtschaft Geschichte machen: US-Finanzminister Henry Paulson soll von der Regierung 700 Mrd. Dollar (480 Mrd. Euro) in die Hand bekommen, um das Finanzsystem vor dem Kollaps zu bewahren. "Nie zuvor in unserer Geschichte lag so viel Macht und Geld in der Hand eines Menschen", warnte der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain.
Paulson selbst dürfte im Grund genauso skeptisch sein: "Ich hasse, dass wir das jetzt tun müssen", sagte er mit Blick auf die geplante massive Staatsintervention der wirtschaftsliberalen Regierung. Die Notwendigkeit, die Banken freizukaufen sei aber "überwältigend offensichtlich".
Amtsübernahme mit Bedingungen
Den Karren, den Paulson jetzt aus dem Dreck ziehen soll, hat er lange Zeit mitgelenkt: Er war Chef der Investmentbank Goldman Sachs, ehe Bush ihn 2006 ins Kabinett holte. Lange musste Bushs Stabschef Joshua Bolten um ihn werben - bedeutete das Ministeramt für Paulson doch den Verzicht auf viele Millionen Dollar Gehalt als Bankchef. Eingewilligt hat der heute 62-Jährige US-Medien zufolge nur unter der Bedingung, dass er das Amt unabhängig und nach eigenen Vorstellungen führen dürfe. Das tat er dann auch - und sorgte nicht nur einmal in Washingtons konservativen Regierungskreisen für Naserümpfen. Er verlangte zum Beispiel Einsatz gegen den Klimawandel und thematisierte das Einkommensgefälle.
Dass er allerdings im Laufe seiner Amtszeit die beiden Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac sowie den Versicherer AIG de facto verstaatlichen würde, hatte er sich dabei sicher nicht träumen lassen. Jetzt soll er nach dem Wunsch von US-Präsident George W. Bush Herr über Leben und Tod der mit faulen Krediten belasteten Banken werden. Die Rolle ist nicht ganz ohne - hat Paulson doch immer noch ein erkleckliches Aktienpaket seiner früheren Bank Goldman Sachs im geschätzten Wert von 500 Mio. Dollar. Die Pleite seines früheren Konkurrenten Lehman Brothers kommentierte der Mann mit dem kahlen Schädel und der dünnen Brille mit: "Das ist traurig, aber es gab keinen Käufer."
Credo wird abgeschworen
Mittlerweile weht der Wind aus einer anderen Richtung und andere Firmen sollen in ihrem Todeskampf nicht alleingelassen werden. Paulson ist dabei nicht der einzige, der seinem wirtschaftsliberalen Credo abschwören muss. "Bei Finanzkrisen gibt es keine Ideologen", sagte auch Zentralbankchef Ben Bernanke angesichts des Ausmaßes der Krise.
Paulson, der in seiner Umgebung Hank genannt wird, gibt sich dabei kampfeslustig. "Ich habe mein Leben lang gelernt, Probleme anzupacken", sagte er auf einer Rundum-Tour durch die US-Talkshows nach der Verkündung des Pakets am Samstag. Seine athletische Gestalt und seine raue Stimme passen zu diesem Bild eines Machers. Doch auch die Politik ist dem verheirateten Vater von zwei Kindern vertraut. Nach seinem Studium der Wirtschaft in Harvard hatte er Anfang der 70er Jahre als Berater im Weißen Haus von Präsident Richard Nixon gedient, bevor er 1974 bei Goldman Sachs anfing.
(Peter Wütherich/AFP)








