Der große Schwenk bei den Zentralbanken:
Konzertierte Zinspolitik als Schulterschluss
- Gemeinsame Maßnahmen blieben bisher Seltenheit
- Finanzwelt reagiert sehr positiv auf die Entscheidung

Abgestimmte Zinssenkungen der großen Zentralbanken der Welt sind ein sehr selten eingesetztes Instrument der Währungshüter. Vor der gemeinsamen Zinssenkung in den USA, der Eurozone, Großbritannien, China, Schweden, der Schweiz und Kanada griffen die Notenbanken zuletzt nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York zu diesem Mittel. Die ersten Reaktionen von Politik und Wirtschaft fielen positiv aus.
"Bisher hatten wir eine globale Krise, aber die globale Antwort hat gefehlt. Jetzt gibt es diese Antwort", sagt Volkswirt Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. Die Botschaft sei: "Die Zentralbanken setzen jeden Hebel in Bewegung, um die Lage zu stabilisieren."
Finanzwelt begrüßt Entscheidung
Eine solch konzertierte Aktion ist zwar nicht einmalig in der Finanzgeschichte, doch machen die Notenbanker nur sehr sparsam davon Gebrauch. Die Branche begrüßt den Schritt. Der Bundesverband deutscher Banken nannte die Senkung eine sachgerechte Entscheidung. "Europa zeigt in der aktuell schwierigen Lage Handlungsfähigkeit."
Der Bundesverband der deutschen Volks- und Raiffeisenbanken erklärt: "Die Notenbanken demonstrieren damit die Bereitschaft, alles Notwendige zu tun, um zu einer Stabilisierung der Märkte beizutragen." Auch mit Blick auf das vorrangige Ziel der Europäischen Zentralbank - die Wahrung der Preisstabilität - sei die Zinssenkung vertretbar, da "sich die Inflation zuletzt deutlich rückläufig entwickelt hat".
Psychologische Wirkung der Entscheidung
Die Geldpolitik der EZB basiert auf einer Zwei-Säulen-Strategie, bei der es um die Entwicklung der Geldmenge und die Beurteilung der Aussichten für die Preisstabilität geht. Als Ziel hat die EZB eine Inflationsrate von unter 2 Prozent. Dann herrscht nach Einschätzung der Währungshüter Preisstabilität. Von großer Bedeutung ist auch die Entwicklung der Geldmenge M3. Als Orientierungsgröße gilt ein Geldmengenwachstum von 4,5 Prozent.
Bankanalysten attestieren der Entscheidung der führenden Notenbanken vor allem eine psychologische Wirkung. So sagt EZB-Expertin Birgit Figge von der DZ-Bank, mit der gemeinsamen Zinssenkung habe sich die Stimmung am Aktienmarkt aufgehellt. Allerdings betont sie auch: "Die Zinssenkungen sind aber kein Kick-Start für den Geldmarkt." Die Probleme seien tiefergehend. Die Zentralbanken könnten das Vertrauen am Geldmarkt mit Leitzinssenkungen kurzfristig nicht herstellen, mittelfristig könnte die Lockerung der geldpolitischen Zügel positive Folgen haben.
Zweifel an tatsächlicher Wirkung
Grundsätzliche Zustimmung äußert auch Jens Kramer von der Nord LB-Researchabteilung: "Die positive Seite ist das Signal, dass man zusammen etwas tut." Doch der Experte schränkt sein Lob ein: "Wir sind aber skeptisch, ob die Maßnahme als solche etwas auslösen kann in Hinsicht auf die Liquiditätslage. Es geht um das Signal, das die Notenbanken bereit sind, den Märkten zu helfen."
Auch europaweit war die Reaktion der Wirtschaft positiv: Der europäische Dachverband der Industrie- und Handelskammern begrüßte die Zinssenkungen. Sie seien geeignet, das Vertrauen in die Märkte wiederherzustellen und Investitionen zu unterstützen. Angesichts der außerordentlichen Krise sei dies die richtige Entscheidung gewesen, erklärte der Präsident von Eurochambres, Pierre Simon, in Brüssel.
(Antje Homburger/AP)








