Literatur-Nobelpreis 2008: Auszeichnung geht an den Franzosen Jean-Marie Le Clezio
- "Verfasser des Aufbruchs und der sinnlichen Ekstase"
- Bekannte Romane: "Die Sintflut" und "Der Krieg"

Der Literatur-Nobelpreis geht heuer an den Franzosen Jean-Marie Gustave Le Clezio. Der 68-Jährige ist Autor von rund 50 Büchern, die sich um seine Familiengeschichte und Reisen durch verschiedene Kulturen ranken. Der Franzose, dessen Werk zivilisationskritisch geprägt ist und oft eine mythische Beziehung zwischen Mensch und Natur beschwört, zeigte sich "gerührt und dankbar" für die weltweit renommierteste Literatur-Auszeichnung. Die Auszeichnung gilt "dem Verfasser des Aufbruchs, des poetischen Abenteuers und der sinnlichen Ekstase, dem Erforscher einer Menschlichkeit außerhalb und unterhalb der herrschenden Zivilisation", wie es in der ersten Begründung der Nobelpreis-Jury hieß.
Le Clezio ist der erste in Frankreich geborene Literatur-Nobelpreisträger seit 1985, als Claude Simon ausgezeichnet worden war. Im Jahr 2000 war der in Frankreich lebende chinesische Dichter Gao Xingjan ausgezeichnet worden. Jean-Marie Gustave Le Clezio wurde am 13. April 1940 in Nizza geboren. Nach Literatur-Studien in Frankreich und England schaffte er gleich mit seinem ersten, mit dem angesehenen "Renaudot"-Preis ausgezeichneten Roman "Le procès-verbal" (1963, "Das Protokoll") den Durchbruch. In seinem Werk spiegelt sich auch die Herkunft seiner Familie wider, die im 18. Jahrhundert von der Bretagne auf die Insel Mauritius im Indischen Ozean auswanderte.
Leben in Panama
Von 1970 bis 1974 vollzog Le Clezio eine prägende Erfahrung: Als Mitarbeiter des französischen Lateinamerikanischen Institutes hat er am Leben der Indianer in Panama teilgenommen - eine Erfahrung, die großen Einfluss auf sein Werk haben sollte. In seinen Büchern gibt Le Clezio seine Erfahrungen aus Reisen durch verschiedene Kontinente und mit ihren Kulturen wieder, insbesondere in Lateinamerika, Afrika und im Südpazifik. In Frankreich gilt er mit seiner klassisch einfachen, aber zugleich raffinierten und farbigen Schreibweise als einer der Meister zeitgenössischer frankophoner Literatur. Auf Deutsch erschienen u.a. "Der Goldsucher", "Ein Ort fernab der Welt" und "Revolutionen".
Le Clezio, der u.a. auch den "Paul Morand"-Preis der Academie Francaise (1980) erhalten hat, lebt heute in Albuquerque (USA), Frankreich und auf Mauritius. Die Auszeichnung gebe "Kraft und motiviert weiterzumachen", sagte der frischgebackene Preisträger im Radiosender France Inter. Romane zu schreiben sei für ihn wie in eine zweite Haut zu schlüpfen, man wechsle die Person, das Geschlecht. "Ich schreibe nur Romane, weil ich nicht in der Lage bin, Tagebuch zu schreiben. Mein Leben zu betrachten und anzunehmen, es sei von Interesse, geniert mich etwas", erklärte Le Clezio.
"Ein Kosmopolit, ein Nomade"
Für den Sprecher der Nobelpreis-Jury, Horace Engdahl, zählt der Autor "nicht zu den typisch europäischen Schriftstellern". Le Clezio sei "ein Kosmopolit, ein Nomade", dessen Stil über die Jahre "fürsorglich" geworden sei: Le Clezio sei ein "Epiker geworden, dessen Romane tatsächlich jeder lesen kann". Das sehen jedoch nicht alle so: Für den Literaturwissenschafter Alfred Noe vom Institut für Romanistik der Universität Wien ist Le Clezios Literatur hingegen "Intellektuellen-Literatur für Ausgewählte", wie er gegenüber der APA sagte.
Kritische Stimmen
In das Lob u.a. vom französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy ("macht der Frankophonie alle Ehre") und dem Außenminister Frankreichs, Bernard Kouchner ("krönt eine der einzigartigsten Romankreationen unserer Zeit") mischten sich auch kritische Stimmen: Die Literaturkritikerin Sigrid Löffler sprach gegenüber dem Sender MDR Info von einer "einigermaßen bizarren Wahl". Selbst der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki musste passen. Er habe sich nie ernsthaft mit diesem Autor beschäftigt, sagte er nach der Preisvergabe der Deutschen Presse-Agentur dpa. Rasch nachlesen wird auch nicht leicht: In den deutschsprachigen Verlagen, bei denen Bücher Le Clezios erschienen sind, wurde an Neuauflagen und Neuerscheinungen gefeilt, derzeit sind kaum Bücher verfügbar. Auf Deutsch erschien zuletzt 2007 "Der Afrikaner" (Hanser Verlag). Übersetzer Uli Wittmann zeigte sich vom neuen Nobelpreisträger "vollkommen fasziniert: Diese Sprache! Das ist reine Musik."
Im Vorjahr hatte die britische Autorin Doris Lessing die begehrteste Literatur-Auszeichnung der Welt erhalten. 2004 war die österreichische Autorin Elfriede Jelinek ausgezeichnet worden. Die Auszeichnung ist mit zehn Millionen Kronen (1,033 Mio. Euro) dotiert und wird am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel, vom schwedischen König Carl Gustaf in Stockholm überreicht.
(apa/red)








