Wien droht massiver Nächtigungs-Einbruch:
Schönbrunn übt Kritik an Wien-Tourismus

  • Neue Design-Initiative stößt Schloss sauer auf
  • Tourismusdirektor: Imperiales Wien "Trägerrakete"

Wien droht ein Einbruch bei den Nächtigungen. Das belegen erstmals auch Zahlen: Laut dem von der Schloss Schönbrunn Kultur- und Betriebsgesellschaft durchgeführten "Vienna Tourism Indicator" (VTI) dürfte sich die Finanzkrise massiv auswirken. Schon im laufenden November sind die Rückgänge in Schönbrunn spürbar. Schloss-Geschäftsführer Franz Sattlecker fordert nun den Wien-Tourismus auf, hier gegenzusteuern - und kritisiert im APA-Gespräch die aktuelle Marketing-Strategie der Wiener Tourismuswerber.

"Wir müssen darauf vorbereitet sein, dass es nächstes Jahr nicht so toll wird", so Sattlecker. Das sagt auch der VTI, der nicht nur aus einer rechnerischen Prognose besteht, sondern für den Akteure aus der Tourismusbranche in Italien, Spanien und Deutschland befragt werden, was sie für die Destination Wien erwarten. Im Jahr 2007 lagen etwa die Werte für Italien mit 103 Punkten noch im optimistischen Bereich - weil über der neutralen Schwelle von 100 Punkten. Nun zeigte sich laut Sattlecker ein Abfall auf 75 Punkte.

Noch deutlicher pessimistisch äußerten sich die Spanier: Nach 119 Punkten im Jahr 2007 waren es heuer nur mehr 50 Punkte. "So ein niedriger Wert ist bisher noch nie erhoben worden", berichtete Sattlecker, der gemeinsam mit Co-Geschäftsführer Wolfgang Kippes die Geschicke die Schloss-Gesellschaft leitet. Lediglich in Deutschland seien die Werte stabil. Erhoben wurden die Daten im vergangenen September.

Trister November
In Schönbrunn sieht bereits der aktuelle Monat November eher trist aus. Laut Sattlecker liegt der Besucherrückgang derzeit im zweistelligen Prozentbereich. Ob das tatsächlich auf die Finanzkrise zurückzuführen sei, könne zwar nicht mit Sicherheit gesagt werden, gestand Sattlecker ein. Es sei aber zu erwarten, dass die nächsten Monaten von weiteren Rückgängen gekennzeichnet sein werden.

Wenig Freude hat der Schlossherr in diesem Zusammenhang mit den Aktivitäten des Wien-Tourismus. Dieser bewerbe die Bundeshauptstadt derzeit als Kreativ- und Designmetropole. In Zeiten sinkender Nächtigungszahlen müsse aber auf die "Kernkompetenz" Wiens gesetzt werden - also auf deren historisches Erbe und Flair. "Wenn man auf Design setzt, wird Wien verwechselbar", warnte Sattlecker. Zudem hätten Städte wie Amsterdam, Barcelona, Paris oder London hier mehr zu bieten.

"Ich denke, da muss man aufpassen, was man bewirbt", so Sattlecker. Und es dauere Jahre, das touristische Image einer Stadt zu ändern. Als Ergänzung zum bestehenden Markenkern sei der Kreativ-Ansatz aber sehr wohl interessant.

Tourismusdirektor kontert Kritik
"Es gibt keinen Kulturkampf. Das imperiale Wien bleibt immer das zentrale Element in unserer Werbung." Der Wiener Tourismusdirektor Norbert Kettner hat die Kritik zurückgewiesen, dass die aktuelle Marketing-Strategie vor allem auf Design setze: "Das stimmt nicht, das ist nur ein Teil." Es gebe in vielen Märkten auch Kampagnen, die klassische Wien-Themen zum Inhalt hätten.

Das imperiale Wien bleibe die "Trägerrakete" für den Wien-Tourismus. "Was ich aber nicht will, ist eine Tourismuswerbung wie in den 60er Jahren." Der Weg der Modernisierung, so betonte Kettner, sei schon vor seinem Amtsantritt (September 2007, Anm.) eingeschlagen worden: "Und wenn ich mir die Nächtigungsentwicklung der vergangenen Jahre anschaue, dann kann das nicht so falsch gewesen sein."

(apa/red)

17.11.2008 08:31
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